Von Olaf Kopp am 10.Mai 2017
Lesezeit: ca. 5 Minuten

Von Haltung, Bauchgefühl, Werten & Unternehmensphilosophie

Der aktuelle Fokus auf die Haltung im Marketing und Unternehmertum hat mich dazu bewegt, diesen Beitrag aus dem Jahr 2011 wieder zu beleben bzw. zu aktualisieren. Haltung steht für mich in enger Verbindung zu Werten. Haltung ist der Ausdruck unseres Werteverständnisses und unseres Bauchgefühl basierend darauf die Kompassnadel. Durch Werte weiß jeder wer er ist, insofern man diese für sich bereits definiert hat.

Haltung, Bauchgefühl, Werte und Prinzipien sind für die eigene Persönlichkeit und die Philosophie von Unternehmen die Grundlage für nachhaltiges und sinnhaftes Arbeiten. Ich habe in den letzten Jahren eine Reihe an Büchern verschlungen, bei denen immer wieder ähnliche Ansätze aufgetaucht sind, die mein eigenes Handeln als Mensch, Gründer und ehemaliger Geschäftsführer geprägt haben. Dabei bin ich übrigens zum großen Hörbuch-Fan geworden, weil ich über mein Handy, egal was ich gerade mache oder wo ich mich aufhalte, Bücher konsumieren kann.

Bauchgefühl

Bei manchen Menschen scheint Bauchgefühl mehr oder weniger ausgeprägt zu sein. Menschen mit einem guten Bauchgefühl navigieren einfacher durch das Leben, als Menschen, denen die Sicherheit eines guten Bauchgefühls fehlt. Durch das Lesen einiger Biografien, wie u.a. der von Steve Jobs  (Nein, ich bin immer noch kein großer Apple Fan), ist mir aufgefallen, dass viele erfolgreiche Persönlichkeiten viele wichtige Entscheidungen in Ihrem Leben mehr aus einem Bauchgefühl heraus und weniger aufgrund von Tipps aus der gängigen Management Literatur, Leitfäden oder Best-Practice-Tipps getroffen haben. Doch worauf  ist Bauchgefühl begründet und warum ist dieses Bauchgefühl bei manchen Menschen ausgeprägter als bei anderen und warum ist dieses Bauchgefühl ein Grundstein für Erfolg?

Zu wissen wer man ist

Zu wissen wer man ist, ist die Grundlage sowohl für Menschen als auch Unternehmen. Daraus lassen sich dann auch Fragen wie „Was möchte ich?“, „Was möchte ich nicht ?“, „Wen möchte ich als Kunden ?“, „Wen möchte ich als Freund ?“ … beantworten. Es sind keine rationalen Fragestellungen, die auf der Ratio beruhen, sondern philosophische Fragestellungen zur Identität eines Menschen oder eines Unternehmens. Werte spielen bei der Beantwortung dieser Frage eine entscheidende Rolle. Sie definieren die Wurzel für die eigene Haltung, die eigenen Prinzipien, Leitlinien und Unternehmenspilosophien und die darauf basierenden Entscheidungen. Die Sicherheit zu wissen wer man ist macht Entscheidungen aus dem Bauch deutlich einfacher.

Werte

Wir alle bekommen in unserer Sozialisation von unseren Eltern und unserem sozialen Umfeld mehr oder weniger Werte vermittelt. Die Manifestierung dieser Werte geschieht über einen längeren Zeitraum und trägt entscheidend zu einer Persönlichkeitsbildung und einem Selbstbewusstsein bei. Das daraus entstehende Wertegefüge ist für erfolgreiche Menschen eine Art Leitplanke, die es vereinfacht Entscheidungen zu treffen. Dadurch können wichtige Entscheidungen schneller getroffen werden. Ob diese Entscheidungen dann richtig sind bzw. waren ist allerdings nicht garantiert, aber auch falsche Entscheidungen sind mindestens genauso wichtig wie richtige Entscheidungen, denn diese Erfahrung beinhaltet meistens neue Erkenntnisse. Je mehr Entscheidungen man in seinem Leben trifft, desto mehr Erfahrungen sammelt man. Und Erfahrungen sind der zweite wichtige  Teil bei der Persönlichkeitsentwicklung. Menschen mit einem gefestigten Wertegefüge können auch besser mit Niederlagen umgehen, insofern sie sich immer wieder einer Niederlage zugestehen können, nach ihren Werten gehandelt zu haben.

Problematisch wird es, wenn Menschen und Unternehmen z.B. aufgrund von unbedingter Skalierung gegen ihr Wertegefüge agieren. Damit verlassen sie den sicheren Hafen der Intuition. Es werden Entscheidungen nur noch aufgrund von Excel-Tabellen und Controlling-Kennzahlen getroffen. Das geht meistens früher oder später schief. Alles gerät irgendwann ins Wanken.

Menschen, die ein klares Wertegefüge für sich manifestiert haben sind in der Lage auf dieser Grundlage schneller richtige Entscheidungen zu treffen.

Daraus lässt sich der Rückschluss ableiten, dass das Ausbleiben einer Wertevermittlung eine unfertige Persönlichkeit zur Folge hat, was es schwerer macht Entscheidungen zu treffen.

Wenn man diese These jetzt auf das Bauchgefühl zurückführt ist meiner Meinung nach ein ausgeprägtes Bauchgefühl Ergebnis einer gereiften Persönlichkeit bzw. eines stark ausgeprägten Wertegefüges.

Meinung vs. Haltung

Eine Meinung zu haben, ist nicht mit Haltung zu verwechseln. Eine Meinung kann sich kurzfristig ändern, z.B. wenn mich jemand eines besseren belehrt. Eine Haltung ist etwas Gefestigtes, über die Jahrzehnte Gereiftes. Eine Haltung muss aber kein starres Gefüge sein. So kann eine grundsätzliche Haltung sein, sehr offen gegenüber  äußeren Einflüssen zu sein, um diese in die Produktentwicklung oder das Content-Marketing einfließen zu lassen. Hier ein Auszug aus einem Interview mit Herrn Vogel bei haufe.de:

Man muss lernen, loszulassen. Inhalte und Themen werden nicht mehr alleine von der Marke vorgegeben und kontrolliert, sondern eben auch von den Menschen, die sich mit der Marke auseinandersetzen, bestimmt. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Content Marketing Strategie.

Haltung als Mittel zur Positionierung

In der heutigen Zeit wird es für Konsumenten immer schwieriger, sich im Informationsüberfluss zurecht zu finden. Sie brauchen Anker, denen sie vertrauen. Diese Anker können sowohl Personen als auch Marken sein. Und diese Anker zeichnen sich durch Haltung, basierend auf einem konsistenten Wertegefüge, aus. Diesen Ankern vertraut man und folgt ihnen. Sie geben Sicherheit, was immer schon eine Eigenschaft von starken Marken war. Haltung ist damit auch eine Möglichkeit sich zu positionieren, abzugrenzen oder zu regulieren. Damit eine Haltung wirklich konsistent in der Kommunikation dargestellt wird, bedarf es Leitlinien.

Leitlinien und Unternehmensphilosophie

Genauso wie Menschen sollten auch Unternehmen ein Wertesystem für sich entwickeln, das von der Geschäftsführung und den Mitarbeitern getragen wird. Die Werte sollten dann entscheidenden Einfluss auf die Leitlinien haben, welche die Leitplanke für unternehmerische Entscheidungen in allen Hierarchieebenen sind. Dadurch kann man aus Bauchgefühl-Entscheidungen greifbare Leitlinien-Entscheidungen machen. Der große Vorteil daran ist, dass jeder, egal ob externer Kunde oder interner Mitarbeiter, ein einheitliches, berechenbares und im besten Fall authentisches Bild von der Unternehmung erhält. Soweit zur Theorie.

Was ist aber wenn Mitarbeiter des Unternehmens selbst kein persönliches Wertesystem vermittelt bekommen haben? Die Folge ist dann, dass diese Menschen mit dem Begriff Werte meistens nichts anfangen können und Leitlinien nicht verstanden bzw. nicht gelebt werden können.Deshalb sollte man schon bei der Einstellung von Mitarbeitern auf Werte des Bewerbers und eine zum Rest des Unternehmens homogene Persönlichkeit achten.

Auch kommt es vor, dass von der Geschäftsführung Leitlinien entwickelt werden, aber immer wieder Ausnahmen gemacht werden und die Leitlinien zu einem Ergebnis von praxisfernem Aktivismus verkommen.

Gewinnmaximierung vs. Leitlinien

Gewinnmaximierung ist kein Wert und somit auch kein Teil von Leitlinien. In Unternehmen, die als übergeordnetes Unternehmensziel, die Gewinnmaximierung sehen sind Leitlinien oft kein Thema bzw. bleiben Theorie, da hier oft die Gewinnmaximierung über den Leitlinien steht und diese damit überflüssig macht. Mitarbeiter solcher Unternehmen mit ausgebildetem Wertegefüge bekommen langfristig oft gesundheitliche Probleme, da sie permanent Entscheidungen zugunsten der Gewinnmaximierung und gegen ihr eigenes Wertesystem treffen müssen. Das kostet Energie, was früher oder später zu gesellschaftlich weit verbreiteten Krankheiten wie Burnout führen kann. Deshalb können Job-Entscheidungen, die nur einen finanziellen Grund haben, ungesund sein und Bewerbern sei geraten sich für Unternehmen zu entscheiden, die ein ähnliches Wertesystem vertreten wie man selbst. Dieses kann man bereits im Vorstellungsgespräch versuchen herauszufinden.

Stefan Merath beschreibt in seinem Buch Die Kunst seinen Kunden zu lieben: Neurostrategie für Unternehmer die Gewinnmaximierung nur als Mittel zum Zweck, um übergeordnete Unternehmensziele zu erreichen. Diese können z.B.  langfristige Kundenbeziehungen, die Befriedigung von Kundenbedürfnissen oder das Halten von kompetenten Mitarbeitern sein. Steve Jobs hat in den Schlussworten seiner Biografie darauf hingewiesen, dass sein unternehmerisches Ziel nie die Gewinnmaximierung war, sondern die Entwicklung von tollen Produkten.

Der Fakt, dass in der klassischen Management Literatur immer als primäres Ziel die Gewinnmaximierung genannt wird und dass viele Unternehmen diesem Schneller, Höher, Weiter Dogma folgen zeigt den verhängnisvollen Kreislauf im Kapitalismus auf, aber das steht wieder auf einem anderen Blatt.

Moderne Management Modelle wie das der Firma Semco (siehe „Die Befreiung der Arbeit: Das 7-Tage Wochenende“ ) sind interessante Ansätze wie man besser ein eigenverantwortliches und vor allem leitlinienorientiertes Arbeiten fördern kann.

Dafür benötigt man dann aber wieder Mitarbeiter mit einem ausgeprägtem Wertesystem bzw. einer gereiften Persönlichkeit, womit wir wieder beim Anfang wären….

Zu Olaf Kopp

Olaf Kopp ist Co-Founder, Chief Business Development Officer (CBDO) und Head of SEO der Aufgesang GmbH . Im Fokus seiner Arbeit stehen die Themen digitaler Markenaufbau, Online- und Content-Marketing-Strategien entlang der Customer-Journey und semantische Suchmaschinenoptimierung. Er ist Autor des Buchs "Content-Marketing entlang der Customer Journey", Mitveranstalter des SEAcamps und Moderator des Podcasts Content-Kompass. Von 2012 bis 2015 war er Geschäftsführer. Als begeisterter Suchmaschinen- und Content-Marketer schreibt er für diverse Fachmagazine, u.a. t3n, Website Boosting, suchradar, Hubspot ... und war als Gastautor in diverse Buch-Veröffentlichungen involviert. Sein Blog zählt laut diversen Fachmedien und Branchenstimmen zu den besten Online-Marketing-Blogs in Deutschland. Zudem engagiert sich Olaf Kopp als Speaker für SEO und Content Marketing in Bildungseinrichtungen sowie Konferenzen wie z.B. der Hochschule Hannover, SMX, CMCx, OMT, OMX, Campixx… Olaf Kopp ist Suchmaschinen-Marketer, Content-Marketer und Customer-Journey-Enthusiast, bewegt sich als Schnittstelle zwischen verschiedenen Marketing-Welten und baut Brücken immer eine nutzerzentrierte Strategie im Auge.

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